Kurze Marinekanone 14 L/12 (M-Gerät) ‚Dicke Berta‘.
Geschichte, Entwicklung, Einsatz, Spezifikationen, Statistiken, Bilder und Modell.
Dicke Berta
Typ: Überschwerer Mörser.
Geschichte
Seiteninhalt:
Der Schlieffenplan hatte die Absicht, einen deutschen Sieg über Frankreich sicherzustellen. Dementsprechend sollten die deutschen Armeen durch Belgien vorrücken, um die französischen Armeen in der Flanke zu packen. Der Plan wurde in den 1890er Jahren konzipiert und bis 1914 fast zur Perfektion gebracht.
Voraussetzung dafür war jedoch der Einmarsch in einen neutralen Staat (Belgien) und die schnelle Einnahme der Sperrforts von Lüttich und Namur, welche zu den stärksten der Welt gehörten. Dazu war schwerste Artillerie notwendig und das war der Punkt, ab dem die Firma Krupp beteiligt wurde.
Während früherer Jahre war Krupp für eine lange Serie von überschweren Kanonen und Haubitzen verantwortlich gewesen, aber die belgischen Festungen zu besiegen, erforderte jedoch schon einen besonderen Entwurf. Es wurde eine Reihe von Studien mit großkalibrigen Waffen durchgeführt, welche letztlich zu der 420-mm-Haubitze ‚Gamma‘ führten. Dieses eindrucksvolle Monster konnte eine so schwere Granate so genau verschießen, dass jede Befestigung zerstört werden konnte.
Aber Gamma war ein statisches Geschütz, entworfen um für den Transport in Einzelteile zerlegt zu werden und nach dem Eisenbahntransport wieder zusammengebaut zu werden. Zwar schätzten die deutschen Planer die Feuerkraft von Gamma, wollten aber eine Waffe, welche auch auf Straßen transportiert werden konnte.
Die Konstrukteure bei Krupp konnten nach einiger Forschung auch dafür eine Lösung präsentieren. Dies war ein vergrößertes und verändertes Fahrgestell, welches ursprünglich für eine 305-mm-Haubitze vorgesehen war. Daraus wurde das M-Gerät geboren.
Dessen Entwicklung fand jedoch im allerletzten Augenblick statt und die großen Haubitzen konnten gerade noch im August 1914 in den Krieg ziehen. Diese Geschütze wurden bald als Dicke Berta von ihren Mannschaften bezeichnet und dieser Name prägte sich ein. Diese Mannschaften gehörten zu einer Spezialeinheit – genannt ‚Kurze Marinekanone 3‘ – und lediglich zwei Haubitzen gingen Anfangs gegen die belgischen Forts in Stellung. Sie wurden über Straßen herangeführt, in jeweils fünf Teilen, welche von Traktoren gezogen wurden. Die Lafette wurde so entworfen, dass die Haubitzen mit einem Minimum an Arbeits- und Zeitaufwand vor Ort zusammengebaut werden konnten.
Es standen spezielle panzerbrechende Geschosse sowie herkömmliche, hochexplosive Granaten zur Verfügung.
Die Auswirkungen dieser großen Haubitzen sind in die Militärgeschichte eingegangen. Innerhalb weniger Tage wurden die mächtigen Forts von Lüttich zerschlagen und waren gezwungen, zu kapitulieren. Bald danach folgten die Forts von Namur.
Die 420-mm-Granaten waren in der Lage tief in das Erdwerk einzudringen, bevor sie explodierten und die daraus resultierenden Schockwellen erschütterten die Forts bis auf ihre Fundamente. Dies hatte eine enorme Auswirkung auf die Moral sowie eine derartig zerstörerische Wirkung, dass die jeweiligen Garnisonen nach ein paar Tagen ununterbrochenen Beschuss sich in einem Zustand des nervlichen Zusammenbruchs befanden.
Nach dem Einsatz in Belgien zog die Batterie an die russische Front, wo sie die Erfolge wiederholt. Die Haubitzen wurden bald durch weitere, neue Exemplare aus den Krupp-Werken ergänzt und noch mehr wurden an der Westfront zum Einsatz gebracht.
Jedoch musste bald festgestellt werden, dass die Schussgenauigkeit der Haubitze nach schon einer begrenzten Anzahl von Schüssen, welche den Lauf verlassen hatten, nachließ und folglich sich auch die zerstörerische Wirkung reduziert. Obwohl die Dicke Bertha eine maximale Reichweite von 12.250 Metern hatte, lag ihre beste Genauigkeit bei etwa 9.490 Metern.
Ein weiteres Problem kam schmerzlich ans Licht, als entdeckt wurde, dass die Projektile sehr empfindlich waren und detonieren konnten, wenn sie sich nach dem Abschuss noch im Lauf befanden, und auf diese Weise viele Rohre zerstört wurden.
Die Dicke Berta erzielte ihre beste Wirkung gegen die belgischen Forts, wofür sie ja auch ursprünglich entworfen wurden. Danach nahm ihre Bedeutung jedoch ab und ein Kennzeichen dafür ist, dass obwohl viele vor Verdun verwendet wurden, es in den französischen Meldungen praktisch keine Erwähnung über sie gibt. Dies ist ein klares Anzeichen dafür, dass ihre Tage als Zerstörer von modernen Festungen gezählt waren.
Keine durfte nach dem Waffenstillstand von 1918 mehr vorhanden sein, aber eine ‚Gamma‘-Haubitze, welche bei der Entwicklung der Dicken Berta verwendet wurde, blieb vergessen – und wurde im 2. Weltkrieg bei der Belagerung von Sewastopol im Jahr 1942 eingesetzt.
Spezifikationen Kurze Marinekanone 14 L/12 (M-Gerät) ‚Dicke Berta‘
Spezifikationen:
Dicke Berta | Spezifikation |
---|---|
Typ | Überschwerer Mörser |
Bedienung | ? |
Länge über alles | ? |
Gewicht | 42.600 kg (Feuerstellung), 93.600 kg (Transport) |
Kaliber | 420 mm |
Lauflänge | 5,04 m (6,72 m andere Quelle) |
Höhenbereich | 0° bis +65° |
Schwenkbereich | 10° nach rechts und links |
Geschossgeschwindigkeit | 330-500 m/s (abhängig von Granate) |
maximale Schussweite | 9.300 - 12.250 m |
Feuergeschwindigkeit | 12 Schuss/Stunde |
Granatgewicht | 400-810 kg (je nach Granatentyp) |
Einsatzstatistik:
Dicke Berta | Angaben |
---|---|
Bestellung | Juli 1911, zweites kurz danach |
Serienproduktion | 2 Stück 1912 bis Kriegsbeginn, anschließend 12 weitere |
Stückpreis | 1 Million Reichsmark |
Stückzahl | insg. 14 |
Bestand August 1914 | 2 |
Bestand November 1914 | 8 |
vor Verdun im Feb 1916 | 13 |
Leistungen der Dicken Berta
Da die Dicke Berta mit verschiedenen Ladungen schießen konnte, die der jeweiligen Schussentfernung angepasst wurden, so war die Auftreffwucht bei Verwendung der größten Ladung und der dazugehörigen größten Geschwindigkeit natürlich am größten; sie betrug bei dem an die Eisenbahn gebundenen Gamma-Gerät im Höchstfall 6000 mt (TNT-Äquivalent), bei dem fahrbaren M-Gerät aber nur rund 3500 mt. Zum Vergleich sei erwähnt, dass die Auftreffwucht einer 30,5-cm-Granate im Durchschnitt rund 2000 mt, einer 21-cm-Granate rund 600 mt und einer 15-cm-Granate nur rund 200 mt beträgt.
Auch die Energie der Detonationsgase der Sprengladung lässt sich mathematisch ziemlich genau ermitteln, da 1 kg der damals üblichen nitrierten Sprengstoffe ein Arbeitsvermögen von rund 350 mt besaß. Die Leistung der Detonationsgase der 42-cm-Granate betrug rund 38000 mt, der 30,5-cm-Granate rund 14000 mt, der 21-cm-Granate rund 6000 mt und der 15-cm-Granate rund 1900 mt.
Die Energien der 42-cm-Granate waren also an sich gewaltig. Man muss in der Technik schon zu unseren großartigsten maschinellen Anlagen greifen, um dem Laien ein Vergleichsbild von der Riesenhaftigkeit der Leistung zu geben, die in dem doch verhältnismäßig kleinen Geschosse steckte. Die reine Bewegungsenergie der 42-cm-Granate kommt etwa derjenigen von 4 je 50 t schweren D-Zugwagen bei 90 km Stundengeschwindigkeit und die Energie von 5 42-cm-Sprengladungen etwa derjenigen gleich, die ein großer Ozeandampfer von 30000 t bei einer Stundengeschwindigkeit von 22 Seemeilen sekündlich leistet. Würde der obige D-Zug gegen einen Betonblock rasen, so würde er vollkommen zerschellen, während der letztere nur geringfügige äußerliche Abschürfungen erhielte. Die Granate dagegen bohrt sich mit ihrer harten massiven Stahlspitze in den Beton und bleibt unversehrt.
Wie groß war nun aber nicht nur die ideelle mathematische Wirksamkeit, sondern die tatsächliche Wirkung der 42-cm-Geschosse gegen Betonziele ?
Diese Wirkung ist eine Funktion von so vielartigen Einzelfaktoren wie der Auftreffwucht, der Geschossform, dem Geschoss-Werkstoff, dem Auftreffwinkel, der äußeren Beschaffenheit und der inneren Widerstandsfähigkeit des Zieles, der Art und Form der Sprengladung, der Zündeinleitung usw., dass selbst aufgrund praktischer Versuchsergebnisse nur angenäherte empirische Formeln aufgestellt werden können.
Am einfachsten zu ermitteln ist die Eindringungstiefe der blinden Geschosse in ein Ziel bei senkrechtem Auftreffen. Aber selbst unter dieser günstigsten Voraussetzung dringt die 42-cm-Granate kaum viel mehr als 1 m in einen gut abgebundenen, harten, massiven, eisenarmierten Betonblock ein. Ist dagegen die Betondecke freitragend mit großem Stützabstand gelagert, so wirkt die Granate nicht mehr bohrend, sondern durchbiegend und brechend und hat wesentlich leichtere Arbeit.
Ein so kostbares und schwer zu ersetzendes Gerät wie die Dicke Berta durfte natürlich nur gegen die stärksten Ziele verwendet werden, denn jeder Schuss kostete rund 1500 Mark; davon entfielen 1000 Mark auf die Munition und 500 Mark auf die Amortisation des Geschützes, das bei einem Wert von fast 1 Million Mark (einschließlich Tross und Zubehör) nur eine Lebensdauer von 2000 Schüssen besaß.
Es musste also mit dem Einsatz des Geschützes sehr haushälterisch und wählerisch umgegangen werden. Es wurde daher nur im Einzelfeuer verwendet, bei dem jeder Schuss für sich beobachtet und korrigiert wurde; es konnte auch nicht gegen Luftziele oder frei bewegliche Ziele auf der Erde verwendet werden; es eignete sich nicht für Sperrfeuer, Feuerwalze, Streuschießen oder Schnellfeuer.
Zu all diesen Aufgaben war das Geschütz wegen seiner geringen Beweglichkeit und langsamen Feuergeschwindigkeit nicht befähigt und war daher auch mit keinerlei Sondermunition ausgestattet; es hatte keine Gas-, Brand-, Nebelmunition, keine Schrapnells; es hatte auch keinen empfindlichen Aufschlagzünder und keinen Zeitzünder.
Es hatte nur Granaten verschiedenen Gewichts zu 1160, 930 und 810 kg mit einem unempfindlichen Bodenzünder, der auf Verzögerung eingestellt werden konnte, und eine Haubengranate zu 400 kg für eine etwas größere Schussweite.
Quellenangaben und Literatur
An Illustrated History of the Weapons of World War One (Ian Westwell)
The Illustrated Encyclopedia of Weapons of World War I (Chris Bishop)
Illustrierte Geschichte des Ersten Weltkriegs (Christian Zentner)
Die Geschichte der Artillerie (John Batchelor, Ian Hogg)
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