Der Flug nach England durch Rudolf Hess in Mai 1941.

Der Rudolf Hess England-Flug gehört zu den bekanntesten und zugleich rätselhaftesten Ereignissen des Zweiten Weltkriegs. Wenn du verstehen willst, was am 10. Mai 1941 wirklich geschah, musst du den Flug nach Schottland, Hess’ Rolle als Stellvertreter des Führers im NS-Staat und die politischen Folgen zusammen betrachten.
Gesichert ist, dass Rudolf Hess (oder auch Heß) am 10. Mai 1941 allein in einer Messerschmitt Bf 110 nach Schottland flog, dort absprang, gefasst wurde und mit einer eigenen Friedensidee scheiterte.
Viele Details sind gut belegt, anderes bleibt umstritten. Gerade deshalb lohnt sich ein klarer Blick auf den Fall, ohne Mythen und ohne den Kern zu verlieren: Hess war kein Außenseiter ohne Bedeutung, sondern ein enger Vertrauter von Adolf Hitler und lange eine wichtige Figur der Nazi Party.
Der Flug am 10. Mai 1941: Was geschah in Schottland?
Am Abend des 10. Mai 1941 begann der Hess-Flug, der später als ‚Flug nach Schottland‘ bekannt wurde. Du kannst den Ablauf heute recht genau nachzeichnen, auch wenn die Absichten dahinter bis heute diskutiert werden.
Start
Rudolf Hess startete am frühen Abend von Augsburg aus. Er flog ohne offizielle Bekanntgabe und ohne Begleitung, was den Vorgang schon damals außergewöhnlich machte.
Der Zeitpunkt war politisch brisant. In zeitlicher Nähe zu Operation Barbarossa bereitete das Deutsche Reich den Angriff auf die Sowjetunion vor, und Hess fürchtete offenbar einen neuen Zweifrontenkrieg.
Route und Maschine
Für den Flug nutzte Hess eine Messerschmitt Bf 110 mit Zusatztanks. Die Maschine war für längere Strecken geeignet und machte den Flug bis nach Schottland technisch möglich.
Seine Route führte nordwestwärts über die Nordsee. Das Zielgebiet lag nahe Glasgow, in der Hoffnung, Kontakt zum Duke of Hamilton zu bekommen.
Absprung bei Eaglesham und die ersten Stunden
Gegen 23 Uhr Ortszeit sprang Hess mit dem Fallschirm über Schottland ab, nahe Eaglesham. Die Maschine stürzte ab, Hess überlebte den Sprung und wurde kurz darauf von Einheimischen und der Home Guard aufgegriffen.
Zunächst gab er sich unter falschem Namen aus, als „Hauptmann Alfred Horn“. Bald wurde klar, wer er war, und er wurde in die Maryhill Barracks in Glasgow überstellt.
Ein wichtiger Ort der ersten Phase war Dungavel House, wohin Hess gebracht wurde. Dort begann der Übergang vom spektakulären Flug zur politischen und geheimdienstlichen Affäre.
Warum Hess zum Duke of Hamilton wollte
Hess glaubte, der Duke of Hamilton könne ihm Zugang zu einflussreichen Kreisen in Großbritannien verschaffen. Diese Annahme beruhte auf früheren Kontakten und auf der Vorstellung, es gebe in London oder im britischen Adel starke Kräfte für einen Ausgleich mit Deutschland.
Aus heutiger Sicht war das eine schwere Fehleinschätzung. Hamilton hatte weder die Rolle noch die politische Macht, die Hess ihm zuschrieb.
Rudolf Hess: Biografie bis zur Macht im NS-Staat

Um den Flug zu verstehen, musst du auf Hess’ politischen Weg schauen. Seine Nähe zu Adolf Hitler, seine ideologische Prägung und sein Rang als Stellvertreter des Führers erklären, warum seine Reise 1941 so viel Aufmerksamkeit auslöste.
Herkunft
Rudolf Hess wurde 1894 in Alexandria geboren. Seine Familie war deutsch, lebte aber in einem international geprägten Umfeld des britisch beeinflussten Ägypten.
Dieser frühe Hintergrund machte ihn nicht liberal oder weltoffen. Politisch entwickelte er sich in die entgegengesetzte Richtung, hin zu radikalem Nationalismus.
Erster Weltkrieg und frühe Prägungen
Im Ersten Weltkrieg, diente Hess als Soldat und später als Flieger. Wie bei vielen seiner Generation wirkten Kriegserfahrung, Niederlage und die Krisenjahre nach 1918 stark auf seine politische Haltung.
In den unruhigen Nachkriegsjahren engagierte er sich im Freikorps. Zudem wurde er Mitglied der Thule-Gesellschaft, in der er früh mit antisemitischen und völkischen Ideen in Kontakt kam.
Später studierte er in München und kam in Kontakt mit Karl Haushofer. Dessen geopolitische Ideen, darunter Vorstellungen von Lebensraum, beeinflussten Hess deutlich, auch wenn sie nicht allein seine Weltsicht erklären.
Vom Bierbräukeller-Putsch zum Vertrauten Hitlers

Früh schloss sich Hess der NSDAP an. Er beteiligte sich 1923 am Bierbräukeller-Putsch, dem gescheiterten Putschversuch Hitlers in München.
Nach dem Putsch rückte er enger an Adolf Hitler heran. Während ihrer gemeinsamen Festungshaft unterstützte er Hitler intensiv bei der Niederschrift von ‚Mein Kampf‘.

Hess galt als loyal, fanatisch und persönlich ergeben. Diese Treue machte ihn zu einem wichtigen Mann im inneren Kreis.
Aufstieg zum Stellvertreter des Führers
Nach der Machtübernahme 1933 stieg Hess weiter auf. Er wurde Stellvertrteter des Führers und spielte im Parteiapparat eine bedeutende Rolle.
In seiner Position war er eng mit der SA verknüpft und hielt einen hohen Rang in der SS. Mit der Zeit verlor er jedoch an Einfluss. Hermann Göring blieb militärisch und staatlich wichtiger, und Martin Bormann gewann immer mehr Kontrolle über Abläufe und Personal in der Partei. Hess war also hochrangig, stand 1941 politisch aber nicht mehr so stark da wie noch einige Jahre zuvor.
Warum Hess nach Großbritannien flog
Die Motive des Fluges sind kein völliges Rätsel, auch wenn einzelne Punkte offen bleiben. Wenn du die Quellen nebeneinander legst, zeigt sich ein Bild aus ideologischer Verblendung, politischer Fehleinschätzung und persönlichem Sendungsbewusstsein.
Die Idee eines Separatfriedens mit London
Hess wollte offenbar einen Separatfrieden zwischen dem Deutschen Reich und Großbritannien anstoßen. Dahinter stand die Hoffnung, Deutschland könne sich dann auf den Krieg im Osten konzentrieren.
Er glaubte nicht an Gespräche mit Winston Churchill als Partner im eigentlichen Sinn. Eher setzte er auf die Vorstellung, es gebe in London einflussreiche Kreise, die Churchill begrenzen oder umgehen könnten.
Albrecht Haushofer, Kontakte und Fehleinschätzungen
Eine wichtige Rolle spielte Albrecht Haushofer, der Sohn von Karl Haushofer. Über ihn liefen Gedanken, Kontakte und Vermittlungsversuche, die Hess in seiner Mission bestärkten. Auch Ernst Wilhelm Bohle war in die Vorbereitung der Briefe eingebunden, indem er Entwürfe für Hess übersetzte.

Die Theorie einer Geheimdienst-Intrige
Einige Thesen legen nahe, dass der British Secret Service oder British Intelligence den Flug durch eine gezielte Intrige provozierte. Dabei sollen gefälschte Briefe im Namen des Duke of Hamilton genutzt worden sein, um Hess zur Reise zu bewegen.
Das Ziel dieser Operation war es vermutlich, Hess in eine Falle zu locken und Zwietracht innerhalb der NS-Führung zu säen. Ob diese Dokumente tatsächlich den ausschlaggebenden Impuls gaben, bleibt in der Geschichtswissenschaft jedoch weiterhin Gegenstand von Debatten.
Namen wie Ivone Kirkpatrick tauchen in der Diskussion um diplomatische Signale und britische Wahrnehmungen auf. Vieles wurde von Hess oder seinem Umfeld offenbar überinterpretiert. Auch spätere Autoren wie Peter Padfield haben gezeigt, wie stark Wunschdenken und Missverständnisse den Vorgang prägten.
Dazu kam Hess’ Hang zu irrationalen Deutungen. Berichte über astrologische Einflüsse oder den Glauben an Fortuna passen zu dem Bild eines Mannes, der politische Lage und persönliche Sendung vermischte.
Hitlers Wissen, Hess’ Motive und offene Fragen
Ob Adolf Hitler vorab genau Bescheid wusste, ist bis heute umstritten. Die Mehrzahl der Historiker geht davon aus, dass Hess eigenmächtig handelte, auch wenn es Debatten über Teilwissen oder Andeutungen gibt.
Bei den Motiven solltest du mehrere Ebenen zusammen sehen:
- Angst vor einem Zweifrontenkrieg
- Wunsch nach persönlicher historischer Bedeutung
- Treue zu Hitler, verbunden mit dem Glauben, dem Regime zu dienen
- massive Fehleinschätzung der britischen Politik
Gerade diese Mischung macht den Fall so ungewöhnlich.
Die britische Reaktion und die politische Bedeutung

Nach der Landung begann sofort die politische Auswertung des Vorfalls. Für Großbritannien war Hess ein hochrangiger Gefangener, für Adolf Hitler und die Nazi-Partei wurde sein Flug schnell zu einem Propagandaproblem.
Verhöre, Internierung und Churchills Haltung
Hess wurde intensiv verhört und streng interniert. Britische Stellen wollten klären, ob er allein gehandelt hatte und ob seine Aussagen militärisch oder diplomatisch nützlich waren.
Winston Churchill behandelte den Fall kühl. Nach allem, was gut belegt ist, sah er in Hess keinen ernsthaften Friedensboten. Auch Ivone Kirkpatrick und andere Diplomaten prüften seine Angaben, ohne daraus eine politische Öffnung abzuleiten.
Propaganda, Diplomatie und Folgen für das Reich
In Berlin reagierte das Regime schnell. Adolf Hitler distanzierte sich öffentlich, Hess wurde als verwirrt oder krank dargestellt.
Das half dem Regime, Schaden zu begrenzen. Zugleich stärkte der Fall Martin Bormann, der in der Parteiorganisation weiter aufstieg. Für die Nazi-Partei war das nicht nur eine Peinlichkeit, sondern auch ein Machtwechsel im Inneren.
Die deutsche Volkseele machte aber ihre eigene Reime darauf:
„Es geht ein Lied im ganzen Reich / Wir fahren gegen Engeland / Doch wenn dann wirklich einer fährt / So wird er für verrückt erklärt“, reimte ein unbekannter Witzbold den Refrain des „Matrosenliedes“ von Hermann Löns um, damals eines der am häufigsten gesungenen Propagandalieder.
Ein unbekannter Berliner erklärte bündig: „Det unsere Regierung verrückt is, det wissen wir schon lange. Aber det se det zugibt, det ist neu.“
Der Duke of Hamilton geriet ungewollt in eine internationale Affäre. Für die britische Seite blieb er eher Kontaktperson als politischer Entscheider.
Warum der Fall bis heute Diskussionen auslöst
Der Fall ist bis heute umstritten, weil sich drei Dinge überlagern:
- ein spektakulärer Alleinflug
- unvollständige oder widersprüchliche Aussagen
- spätere politische Instrumentalisierung
Aus Erfahrung mit historischen Debatten lässt sich sagen: Je größer das Ereignis, desto länger halten sich einfache Erklärungen. Beim Hess-Flug tragen sie oft nicht weit.
Von Nürnberg bis Spandau: Hess nach dem Krieg

Nach dem Krieg endete die Geschichte von Rudolf Hess nicht mit dem gescheiterten Flug. Für dich wird der Fall erst vollständig, wenn du auch den Weg über die Nürnberger Prozesse bis zur jahrzehntelangen Haft in Berlin-Spandau mitdenkst.
Anklagepunkte und der Nürnberger Prozess
Vor den Nürnberger Prozess, wurde Hess als führender Nationalsozialist angeklagt. Zu den zentralen Punkten gehörten Verbrechen gegen den Frieden, sowie die Beteiligung an der Vorbereitung des Angriffskrieges.
Hess versuchte zeitweise, sich auf Erinnerungslücken zu berufen. Das Gericht sah ihn dennoch als schuldfähig an.
Urteil und Lebenslänglich
Am Ende wurde Hess zu lebenslänglicher Haft verurteilt. Für das Gericht war entscheidend, dass er als Spitzenfunktionär des Regimes zur Entfesselung des Krieges beigetragen hatte.
Sein Flug nach Schottland änderte daran nichts. Er galt nicht als entlastender Friedensversuch, sondern als Handlung innerhalb seiner langen Karriere im NS-System.
Die letzten Jahrzehnte in Spandau
Hess verbrachte seine Haft in der Spandau-Kriegsverbrecher-Gefängnis in Berlin. Mit den Jahren wurde er dort zum letzten verbliebenen Gefangenen des Gefängnisses.
1987 starb er im Alter von 93 Jahren. Begraben wurde er in Wunsiedel, das später lange ein Anziehungspunkt für Rechtsextreme wurde, bis die Behörden und die Zivilgesellschaft dagegen vorgingen.
Historische Einordnung des Falls

Der Hess-Flug nach Schottland ist gut dokumentiert, auch wenn nicht jede Einzelheit sicher geklärt ist. Für deine Einordnung hilft es, klar zwischen Fakten, plausiblen Deutungen und spekulativen Theorien zu trennen.
Was als gesichert gilt
Gesichert ist, dass Hess am 10. Mai 1941 allein nach Schottland flog, dort absprang und in britische Gefangenschaft geriet. Ebenfalls gut belegt ist, dass er Kontakt zum Duke of Hamilton suchte und einen politischen Ausgleich mit Großbritannien anstoßen wollte.
Klar ist auch seine Rolle als enger Gefolgsmann von Adolf Hitler und seine lange Karriere im NS-Staat.
Welche Theorien umstritten bleiben
Umstritten bleibt vor allem, ob Adolf Hitler mehr wusste, als er später zugab. Auch die Frage, wie wichtig Kontakte über Albrecht Haushofer wirklich waren, wird unterschiedlich bewertet.
Autoren wie Peter Padfield haben diese Debatten mitgeprägt. Manche Theorien gehen weit über die Quellen hinaus. Wenn du sauber prüfen willst, solltest du Spekulationen nur dort ernst nehmen, wo sie durch Dokumente oder belastbare Zeugnisse gestützt werden.
Warum der England-Flug historisch relevant ist
Der Fall zeigt dir, wie Ideologie, Machtpolitik und persönliche Illusionen zusammenwirken können. Er macht auch sichtbar, wie begrenzt Hess’ reale Einflussmöglichkeiten 1941 schon waren.
Zugleich beleuchtet der Flug die Lage Europas kurz vor dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion. Darum bleibt er ein wichtiges Fenster auf die Politik zwischen Winston Churchill, Adolf Hitler und einem Mann, der glaubte, den Krieg im Alleingang lenken zu können.
Häufig gestellte Fragen
Warum flog Rudolf Heß 1941 allein nach Schottland?
Er wollte einen politischen Kontakt nach Großbritannien herstellen, ohne einen offiziellen Auftrag offen zu machen. Nach heutigem Forschungsstand glaubte er, über den Duke of Hamilton einen Weg zu Kreisen zu finden, die für einen Ausgleich mit Deutschland offen seien.
Welche politischen Ziele verfolgte Heß mit seiner Mission nach Großbritannien?
Sein Ziel war sehr wahrscheinlich ein Separatfrieden zwischen dem Deutschen Reich und Großbritannien. Damit sollte Deutschland freie Hand für den geplanten Krieg gegen die Sowjetunion gewinnen.
Wie reagierten die britische Regierung und die Öffentlichkeit auf seine Ankunft?
Die britische Regierung ließ Hess sofort festsetzen, verhören und isolieren. Politisch nahm man seine Vorschläge nicht an, und in der Öffentlichkeit wurde der Vorfall mit einer Mischung aus Staunen, Skepsis und Spott wahrgenommen.
Welche Rolle spielte Adolf Hitler nach dem Flug in der offiziellen Darstellung des Regimes?
Hitler distanzierte sich rasch von Hess. In der offiziellen Darstellung wurde Hess als verwirrt oder psychisch gestört beschrieben, damit das Regime den Flug nicht als eigenständige politische Aktion aus dem Zentrum der Macht erscheinen lassen musste.
Was ist über die Verhöre und die Haftbedingungen von Heß in Großbritannien bekannt?
Hess wurde intensiv befragt und streng bewacht. Die Briten wollten klären, ob hinter dem Flug ein offizieller Plan stand, behandelten ihn als wichtigen Gefangenen und nicht als anerkannten Unterhändler.
Welche Theorien und Kontroversen gibt es bis heute rund um die Hintergründe dieser Reise?
Diskutiert werden vor allem Hitlers mögliches Vorwissen, die Bedeutung von Kontakten über Albrecht Haushofer und die Frage, ob britische Kreise Hess bewusst in falschen Hoffnungen bestärkten. Vieles bleibt offen, doch der gesicherte Kern ist klarer als viele spätere Legenden vermuten lassen.
Quellenangaben und Literatur
Rudolf Hess – Der Mann an Hitlers Seite (Kurt Pätzold, Manfred Weißbecker)
Mein Vater Rudolf Heß – Englandflug und Gefangenschaft (Wolf Rüdiger Hess)
Churchills Friedensfalle: Das Geheimnis des Heß-Fluges 1941 (Martin Allen)
Rudolf Hess: Der Stellvertreter – Eine Biographie (Manfred Görtemaker)







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