Deutsche Rüstungsproduktion 1939-1945


Deutsche Rüstungsproduktion im 2. Weltkrieg von 1939 bis 1945.

Montageband für die deutschen Focke-Wulf Fw190
Montageband für die deutschen Focke-Wulf Fw 190 Jagdflugzeuge während des 2. Weltkrieges.

Eine Aufstellung der jährlichen deutschen Rüstungsproduktion nach Waffengattungen und Rüstungsgütern (ohne Munition) sowie ein Vergleich des dafür notwendigen Rohstoffeinsatz.
Dazu Informationen zur Herkunft der Rohstoffe und Auswirkungen des Bombenkriegs auf die Produktion.

Deutsche Rüstungsproduktion im 2. Weltkrieg


Die überraschend schnell errungen Blitzsiege in den Jahren 1939 bis 1940, sowie die anfänglichen großen Erfolge beim Unternehmen Barbarossa, bewiesen offensichtlich die Richtigkeit der Blitzkrieg-Strategie.
So verkündete Hitler, den Endsieg über Russland offensichtlich vor Augen, am 14. Juli 1941 ein Ab- und Umrüstungsprogramm, mit der Begründung, dass ‚uns im Endkampf kein erst zu nehmender Gegner mehr entstehen kann‘.

So verharrte die deutsche Rüstungsproduktion 1941, im eigentlichen Jahr der Entscheidung des 2. Weltkrieges, auf gleichem, relativ niedrigen Niveau, während Großbritannien, die Sowjetunion und Amerika erheblich zulegten.
Bisher erfolgte die Rüstungsproduktion in Deutschland während des Krieges nach dem immer gleichen Schema: Die deutschen Arbeiter stellten die Rüstungsgüter her, wurden anschließend zur Wehrmacht eingezogen und verwendeten diese selbst hergestellten Waffen. War der Feldzug erfolgreich beendet, wurde der Großteil wieder aus der Armee in die Fabriken entlassen, um erneut neue Rüstungsgüter herzustellen.

Doch schon im Herbst 1941 wird klar, dass der Sieg über Russland zumindest in diesem Jahr nicht mehr möglich ist. Dies erkennt auch Hitler, kann sich aber nicht zu einer Änderung der Prioritäten für die Rüstung durchringen.
An der Ostfront bereiten zwischenzeitlich die nun in immer größeren Zahlen aufkommenden Panzer der Roten Armee vom Typ T-34 und KW-1 zunehmende Schwierigkeiten. Gegen ihn ist das deutsche Standard-Panzerabwehrgeschütz 3,7-cm PAK 36 wirkungslos und selbst der stärkste deutsche Panzer, der PzKpfw IV mit der kurzen 7,5-cm-Kanone, auch unterlegen.

Dies wirft erhebliche Probleme für die Rüstung auf, welche durch die Rivalitäten der Wehrmachtteile noch gesteigert werden. Im März 1940 wurde unter dem Generalmajor der Luftwaffe Dr. Fritz Todt ein Reichsministerium für Bewaffnung und Munition geschaffen. Zwar hatte Todt mit seiner ‚Organisation Todt‘ schon den Bau der Reichsautobahnen und des Westwall organisiert und sollte auch den ‚Atlantikwall‘ aufbauen, aber bei der Rüstung sind seine Erfolge eher bescheiden.

Am 8. Februar 1942 hat Todt eine Besprechung mit Hitler in Rastenburg (Ostpreußen) über die verworrene Rüstungssituation. Wenige später stürzt sein Flugzeug aus ungeklärten Gründen ab und Hitlers junger Architekt Speer wird sofort zum Nachfolger ernannt.
Speer erkennt sofort, dass Hitler für Deutschland eine Art ‚Scheinfrieden‘ aufrechterhalten will und sich so z.B. gegen den Einsatz von Frauen in der Industrie ausspricht. Offensichtlich hatte Hitler eine pathologische Angst vor einem Popularitätsverlust und wollte unter allen Umständen aus den Erfahrungen des 1. Weltkrieges Unruhen, Streiks und womöglich Umstürze oder Aufstände vermeiden.

Speer und Milch
Rüstungsminister Speer (rechts) in einer Konferenz mit Generalfeldmarschall Milch (mitte) von der Luftwaffe, welcher verantwortlich für die Flugzeugproduktion ist.

Auch gibt es keine übergeordnete Lenkung der Rüstungsprioritäten zwischen Heer, Luftwaffe, Kriegsmarine und nun auch noch zusätzlich der Waffen-SS. Dazu wurde bereits 1941 ein Entwicklungsstopp bei der Luftwaffe beschlossen, da der Krieg als gewonnen angesehen wurde und keine neuen und besseren Flugzeugmodelle benötigt werden.

Dies alles kann Speer zwar beheben und erreicht bis 1944 einen vielfach größere deutsche Rüstungsproduktion, aber die verlorene Zeit kann er nicht mehr aufholen. Wäre das Rüstungsmaterial von 1944 zwei oder drei Jahre früher verfügbar gewesen, so wäre es ausreichend gewesen, den Krieg zu gewinnen – aber zu diesem Zeitpunkt hatten Hitlers Feinde trotz allem eine gewaltige und erdrückende Übermacht.

Deutsche Rüstungsproduktion nach Waffengattung

Fahrzeuge und Transportmittel:

Waffengattung1939194019411942194319441945 (2-3 Monate)insg.
Kampfpanzer9621.5733.3994.3865.8137.98395625.072
Flammenwerfer-Panzer-87478111020-345
Panzer-Befehlswagen443413213113441-516
Jagdpanzer----903.2801.7505.120
Sturmgeschütze-1845487893.2795.17298810.960
PAK-Selbstfahrlafetten-1732141.2221.695457163.777
Sturmartillerie---343041.2271121.677
Artillerie-Selbstfahrlafetten-40161831.362670872.358
Flak-Panzerfahrzeuge15---8736164527
Panzerspähwagen3244226189928675551133.024
andere Panzerfahrzeuge55334605453109591422.450
Ladungsträger (Goliath usw)100--1.0884.4943.1021388.922
Schützenpanzer2323378132.5747.1539.4861.28521.880
Ketten-Zugkraftwagen?3.2247.4897.6279.8277.84069636.703+
Gleisketten-LKWs---10.70437.42727.76172487.329
LKWs32.55853.34851.08549.70752.896103.3144.582347.490
PKWs???24.152105.69396.492?226.337+
Kräder???34.01733.04627.8302.57797.470+
Lokomotiven?1.6881.9182.6375.2433.495?14.981+
Bahnwaggons?28.20044.84560.89266.26345.189?245.389+

Nicht nur die Stückzahlen sind zwischen 1942 und 1944 stark angestiegen, auch die Qualität und der Kampfwert der einzelnen Waffen ist teilweise deutlich angestiegen, wie sich z.B. aus dem Gefechtsgewicht der produzierten gepanzerten Fahrzeuge widerspiegelt:


Gefechtsgewicht der produzierten gepanzerten Fahrzeuge:

Jahr:19401941194219431944
Stückzahl2.1545.1389.27819.82427.340
Gefechtsgewicht in t37.32583.188140.454369.416622.322
Durchschnittliches Gefechtsgewicht in t 17,3 16,2 15,1 18,6 22,8

t_arrow1 siehe auch: Deutsche Produktion an Panzerfahrzeugen (im Detail)

Infanteriewaffen:

Waffengattung1939194019411942194319441945 (2-3 Monate)insg.
Pistolen???467.253959.5401.038.340145.1402.610.273+
Gewehre (K98k, K41, K43, G 33/40)?1.371.7001.358.5001.149.5931.946.2002.282.380310.1188.418.491+
MGs?(bei MP)(bei MP)77.340165.527278.16456.089ca. 674.280
MP 38, 40, 44?170.880 (incl.MGs)324.800 (incl.MGs)152.683240.073500.074131.672ca. 1.400.000+
Panzerabwehr-Handwaffen (bis Dez. 42 Pz.B. 38,39,41 - ab Aug. 43 Panzerschreck)???88050.835209.00021.000281.715+
Panzerfaust----ca. 500.000 2.870.000 (nur Okt.-Dez.), mind. 1.500.000 davor2.056.000ca. 7.000.000+
Granatwerfer?4.3804.23018.55125.95529.5983.67586.389+

Artillerie-Geschütze:

Waffengattung1939194019411942194319441945 (2-3 Monate)insg.
Artillerie insgesamt1.2146.73011.200(Details unten)(Details unten)(Details unten)(Details unten)159.144+
leichte PAK (3,7-cm-PAK, 4,2-cm-PAK, Pak38)(in Art)(in Art)(in Art)4.7982.481--(in Art)
mittlere PAK (7,5-cm-PAK 38, 40, 41, 7,62-cm PAK (r) )(in Art)(in Art)(in Art)4.34412.40012.151618(in Art)
schwere PAK (8,8-cm-PAK, 12-cm-PAK)----1.2242.058367(in Art)
leichte Flak(in Art)(in Art)(in Art)15.52719.60216.863+1.771+(in Art)
schwere Flak(in Art)(in Art)(in Art)1.0286.1387.714+?(in Art)
Infanteriegeschütze(in Art)(in Art)(in Art)1.6872.8026.458876(in Art)
Nebelwerfer(in Art)(in Art)(in Art)3.8641.7063.767460(in Art)
leichte Art. (10,5 cm)(in Art)(in Art)(in Art)1.4764.5339.000604(in Art)
schwere Art. (10-cm K18, sFH, 17-cm-K)(in Art)(in Art)(in Art)9311.7733.652475(in Art)
schwerste Art. (21-cm-K, 20,3-cm-K, 24-cm H, K3, K5, K38, E, M1)(in Art)(in Art)(in Art)3312312561(in Art)

Flugzeuge:

Waffengattung1939194019411942194319441945 (2-3 Monate)insg.
Bombenflugzeuge7372.8523.3734.3374.6492.287-18.235
Jagdflugzeuge6052.7463.7445.51510.89825.2854.93553.728
Schlachtflugzeuge1346035071.2493.2665.4961.10412.359
Aufklärungsflugzeuge1639711.0791.0671.1171.6862166.299
Wasserflugzeuge, Flugboote100269183238259141-1.190
Transportflugzeuge1453885025731.028443-3.079
Lastensegler-3781.46174544211183.145
Verbindungsflugzeuge46170431607874410112.549
Trainingsflugzeuge5881.8701.1211.0782.2743.69331810.942
Düsenjagdflugzeuge-----5649291.493
Düsenbomber-----15064214
Flugbombe Fi 103 (V-1)-----23.6726.50930.181
Rakete A-4 (V-2)-----4.1281.6695.797

Schiffe:

Waffengattung1939194019411942194319441945 (2-3 Monate)insg.
U-Boote5850219222292283981.220
Schlachtschiffe-11----2
Zerstörer-25362-18
Torpedoboote??6666-24+
S-Boote??36364163-176+

Anteile am Gesamtwert der Rüstungsendfertigung

Anteile wichtiger Bereich an der Rüstungsendfertigung von 1942 bis 1944 in Prozentpunkten vom Gesamtwert unter Berücksichtigung bei gleichbleibenden Preisen.

BereichAnfang 1942Mitte 1942Ende 1942Mitte 1943Ende 1943Mitte 1944
Flugzeuge46,1 %38,7 %36,3 %41,9 %35,7 %45,9 %
Kriegsschiffe9,3 %12,1 %10,9 %9,7 %6,6 %5,6 %
Panzer und Kfz11,3 %10,6 %11,3 %13,0 %13,4 %13,0 %
Munition23,1 %29,2 %30,6 %24,6 %31.5 %25,4 %
andere Waffen7,0 %6,6 %8,2 %8,0 %9,7 %9,4 %
Pulver3,2 %2,8 %2,7 %2,8 %3,1 %2,5 %

Bemerkenswert ist, dass die erhebliche Rüstungssteigerung zwischen 1942 und 1944 (über 300 Prozent) im Wesentlichen ohne Zugriff auf mehr Rohstoffe ermöglicht wurde und vor allem durch die Steigerung der Produktivität und Einsparungen im zivilen Sektor erreicht werden konnte. Dazu folgende Übersicht:

Rohstoffe (in Millionen Tonnen) und Jahr:

Jahr:1939194019411942194319441945
Kohle 332,8 364,8 402,8 407,8 429,0 432,8 50,3
Eisenerz 18,5 29,5 53,3 50,6 56,2 32,6?
Stahl 23,7 21,5 28,2 28,7 30,6 25,8 1,4
Aluminium (in 1000 Tonnen - wichtig vor allem für die Flugzeugproduktion) 239,4 265,3 315,6 420,0 432,0 470,0?

Eisen und Stahl sind die Grundlagen jeglicher Rüstungsproduktion und standen als ‚Leitrohstoffe‘ bei der kriegswirtschaftlichen Planung im Zentrum aller Entscheidungen. Die seit 1942 erfolgten Reformen des Kontingentierungssystems führten zu einer Zunahme der Rüstungsanstrengungen, ohne dass dabei ein spürbarer Anstieg der Eisen- und Stahlerzeugung notwendig war.
Die Voraussetzungen dafür waren gegeben, da die deutsche Versorgung mit Eisenerz als ziemlich gut gesichert galt. Die rückläufige deutsche Förderung wurde durch die besetzten französischen Minen und dem Import von schwedischen Erzen mehr als ausgeglichen.
Ab Mitte 1942 wurde durch die neue Organisation ‚Reichsvereinigung Eisen‘ (REV) restriktivere Marktregeln durchgesetzt, interne Rivalitäten verschiedener konkurrierender Dienste und Wirtschaftsbereiche reduziert und die Schwerindustrie stärker an staatliche Zielvorgaben gebunden.


Wichtige Einflüsse auf die Rüstungsproduktion

Unterirdischer Ruestungsbetrieb
Mit enormem Aufwand wurden die Rüstungsbetriebe vor den alliierten Luftangriffen ausgelagert und unter die Erde verlagert – oder zumindest dezentralisiert in entlegenen und entfernten Gebieten. Dadurch konnte zwischen 1942 und 1944, trotz der mehr als 16-fachen Zunahme der abgeworfenen Bomben, die Rüstungsfertigung verdreifacht werden.

Verschiedene Faktoren hatten einen wichtigen Einfluss auf die Fähigkeit des Deutschen Reiches, Rüstungsgüter während des Zweiten Weltkrieges zu produzieren.
Dazu gehört die Abhängigkeit von Rohstoffen aus den besetzten und eroberten Gebieten oder deren Import aus neutralen Staaten. Ebenso führte die alliierte Luftoffensive zu erheblichen Ausfällen und zwang zu einer aufwendigen Verlagerung der Produktionsstätten.

Bedeutung besetzter und neutraler Länder für die Rohstoffproduktion des Deutschen Reiches:

Angaben im Monatsdurchschnitt in 1.000 t für 1943:

ausgewählte, wichtige RohstoffeGroßdeutschlandbesetzte GebieteInsgesamtAnteil der besetzten Gebiete in %
Eisenerz (vor allem aus Frankreich und Belgien) 950,0 437,0 1.387,0 31,5 %
Steinkohle 23.200,0 6.400,0 29.600,0 21,6 %
Rohstahl (vor allem aus Frankreich) 2.550,0 337,0 2.887,0 11,7 %
Hüttenaluminium 20,8 9,7 30,5 31,8 %
Zellstoff 5,3 14,5 19,8 73,2 %
Summe 26.726,1 7.198,2 33.924,3 21,2 %


Bedeutung der Manganerz-Einfuhr aus der Ukraine 1941-1943 (in 1.000 t Mangangehalt):

Halbjahr:II/1941I/1942II/1942I/1943II/1943Insgesamt
deutscher Verbrauch 63,8 55,7 67,4 84,1 85,8 356,8
Einfuhr aus der Ukraine 25,5 39,0 86,7 94,8 70,0 316,1
Anteil der Einfuhr aus der Ukraine am Verbrauch in % 40,0 % 70,0 % 128,6 % 112,7 % 81,6 % 88,6 %

Wichtige Rohstoff-Einfuhren aus neutralen Staaten 1942-1944:

StaatRohstoff194219431944
SchwedenEisenerz (in 1.000 t)8.00010.300 (=38%)4.500
Zellstoff (in 1000 t)174150110
PortugalZinn (in t)6491.236?
Wolfram (in t)611463895
TürkeiChromerz (in t)-4.95011.700

Somit ergibt sich, dass z.B. der wichtige Grundrohstoff Eisenerz (für die Stahlproduktion) des Deutschen Reiches im Jahr 1943 zu 42 Prozent aus Großdeutschland, zu 38 Prozent aus Schweden importiert und zu 20 Prozent aus den besetzten Gebieten stammt.

Der steigende Bedarf an Manganerzen konnte vor 1944 durch Einfuhren aus dem besetzten Russland gedeckt werden. Bei den Verbündeten oder neutralen Staaten stießen die steigenden deutschen Rohstoffanfragen auf unterschiedlich starke Hindernisse, welche politischer oder ökonomischer Art waren. Diese wurde durch den sich für Deutschland ungünstig entwickelnden Kriegsverlauf verstärkt.
Insbesondere Schweden reduzierte die Lieferungen – vor allem des kriegswichtigen Eisenerzes – nach der Abwicklung bestehender Handelsverträge nach den katastrophalen deutschen Rückschlägen des Jahres 1943 deutlich. Selbst 1943 waren die schwedischen Zellstofflieferungen für die deutsche Textilindustrie noch von großer Bedeutung.
Dagegen konnten die Importe von ebenso kriegswichtigen Zinn, Wolfram und Chromerz aus der Türkei, Portugal und über Spanien noch bis zum Abreißen der Landverbindungen durch die militärischen Ereignisse in der zweiten Hälfte des Jahres 1944 sogar noch gesteigert werden.

Mit enormem Einsatz wurde auch versucht, andere kriegswichtige Rohstoffe, wie Naturkautschuk aus Japan mithilfe von Untersee-Frachtbooten oder Blockadebrechern in die ‚Festung Europa‘ hineinzubringen. Entgegen aller im Frieden üblicher ökonomischer Vernunft wurden im diktatorische geleiteten Deutschland auch neue Rohstoffindustrien geschaffen, zum Beispiel die Förderung der minderwertigen Eisenerze von Salzgitter durch die ‚Reichswerke Hermann Göring‘.


Ausfälle in der Rüstungsfertigung infolge von Luftangriffen

Werksgeländes der Rüstungsfirma Krupp in Essen nach den englischen Bombenangriffen
Ein Teil des Werksgeländes der Rüstungsfirma Krupp in Essen nach den englischen Bombenangriffen. Außer den Schornsteinen ist praktisch nichts mehr ganz geblieben.

Die Schwächung der feindlichen Streitkräfte durch möglichst starke Paralysierung oder sogar völlige Vernichtung ihrer Hilfsquellen ist das Ziel von strategischen Bombern. Keine Armee kann ohne Waffen, Munition oder Versorgung kämpfen und selbst der beste Pilot ist hilflos ohne Treibstoff oder Flugzeug.

Die Bekämpfung der Rüstungszentren, wo die Waffen hergestellt werden, ist viel leichter und effektiver, als diese anschließend Stück für Stück an der Front vernichten zu müssen. Dies trifft insbesondere dann zu, wenn sich die Waffe noch im Entstehungsprozess befindet und viele von ihnen dabei auf engsten Raum massiert sind.
Schon aus diesem Grund haben deutsche Wolfsrudel die alliierten Atlantik-Konvois oder die Russland-Konvois angegriffen. Ein versenktes, voll beladenes Schiff oder ein Bombentreffer in ein Rüstungswerk schadet dem Gegner mehr, als ein Volltreffer auf einen Panzer an der Front.

Bis zum Frühjahr 1944 hatte die Kampfkraft der deutschen Luftwaffe so weit abgenommen, dass die alliierten strategischen Bomber praktisch volle Bewegungsfreiheit über der ‚Festung Europa‘ hatten. Weder die 8. noch die 15. US Army Air Force hatten sich seitdem abschrecken lassen, irgendein Ziel wegen zu hoher möglicher Verluste anzugreifen.
Zwischen Juni und September 1944 wurden, neben den bisherigen Pendelangriffen von Großbritannien nach Nordafrika b.z.w. Süditalien, auch noch solche zu den von den Sowjets in der Ukraine zur Verfügung gestellten Luftstützpunkten durchgeführt. Dies sollte die beim zweimaligen Durchfliegen der deutschen Flak- und Jagdabwehr im Westen bei einem Angriff höheren Verluste reduzieren und gleichzeitig die Russen mit der Schlagkraft und den Fähigkeiten der amerikanischen Bomber beeindrucken.

B-17 Fliegende Festung beim Bombenabwurf.
B-17 Fliegende Festung beim Bombenabwurf.

Das amerikanische ‚Special Planning Committee‘ sprach sich auch eindeutig gegen das Bombardement von Zivilisten aus und schlug vor, nur Städte mit Industriebetrieben anzugreifen. Ziel war es, den Widerstand einer totalitären Gesellschaft am schnellsten zu brechen, zumal von einer vorangeschrittenen Demoralisierung der Deutschen ausgegangen wurde.

Auswahl von Ausfällen für den Zeitraum Oktober bis Dezember 1943:

WaffeFertigungAusfallInsgesamtAnteil des Ausfalls in %
Sturmgeschütze9091771.086 16,3 %
PzKpfw V Panther776144920 15,6 %
PzKpfw VI Tiger17379252 31,4 %
Zugkraftwagen457210667 31,5 %
7,5-cm Pak 4064555700 7,9 %
8,8-cm-Pak 43/4111763180 35,0 %
leichte FH 18/4026832300 10,7 %
schwere 10-cm-Kanone 18261945 42,2 %
LKW11.3732.25713.630 16,6 %
Insgesamt14.7443.03617.780 17,1 %

Allerdings begannen deutsche Rüstungsfirmen bereits 1943 damit, ihre Werkmaschinen und Belegschaften auf Orte und Räumlichkeiten von zuvor kriegsbedingt geschlossenen Zivilfirmen in der jeweiligen Umgebung zu verteilen. Dadurch konnten die Produktionsausfälle der Henschel-Werke in Kassel, welche zu 80% während des Zweiten Weltkrieges zerstört wurden und der einzige Hersteller des Tiger-Panzers waren, und die MAN-Werke in Nürnberg aufgefangen werden. Dazu kamen noch Auslagerungen in die Böhmisch-Mährische Maschinenfabrik bei Prag oder die Skoda-Werke, welche in der Tschechoslowakei relativ sicher waren.

Trotzdem blieb die Produktion unter den Vorgaben des ‚Adolf-Hitler-Panzer-Programms‘ vom 20. Januar 1943. Nach diesem sollten bis März 1944 gebaut werden: 6.370 Kampfpanzer, 2.818 Sturmgeschütze und 2.936 Selbstfahrlafetten. Dies war im Wesentlichen eine Folge der Luftangriffe auf die Henschel-Werke im Oktober 1943 sowie September 1944 und der Auswirkungen eines Angriffs auf die Maybach-Motorenwerke im April 1944.

Luftangriff am 7. Oktober 1944 auf die Henschelwerke in Kassel
Der Luftangriff am 7. Oktober 1944 auf die Henschelwerke in Kassel versetzte der Produktion von Königstigern einen schweren Schlag. Hier sind zerstörte Fahrzeuge in der Endausrüstung zu sehen.

Die Auslagerung oder Verlagerung der Produktion hatte natürlich erst einmal eine reduzierte Fertigung zur Folge. Bei der Zahnradfabrik Friedrichshafen, welche Panzergetriebe herstellte, waren zum Beispiel 60 % der Arbeiter eine Zeitlang unproduktiv. Die neuen Fertigungsreihen holten diesen Rückstand aber schnell wieder auf und insgesamt war das Ergebnis viel besser, als bei den bombardierten, nicht ausgelagerten Betrieben.

So verlagerte die ‚Deutsche Kugellagerfabrik‘ in Leipzig ab März 1943 ihre Produktion gerade noch rechtzeitig. Beim Luftangriff im Juli des gleichen Jahres war diese zwar noch nicht vollständig abgeschlossen, aber das Produktionsergebnis an den Ausweichplätzen stieg bald steil an und die Gesamtproduktion hatte schon nach wenigen Wochen wieder ihr ursprüngliches Ergebnis erreicht.

Bezogen auf die Industrieproduktion wirksam und zumeist unwirksam bombardierte deutsche Städte und deren Produktionsausfall:

Stadterster 500-t-AngriffBomben- menge insg. in tEinwohner 1939Einwohner-anteil im Reichs- gebietWert der Industrie-produktion in 1.000 RMAnteil der Industrie-produktion im ReichGesamter Produktions-ausfall in MonatenAusfall bezogen auf die gesamte Reichs-Produktion
Wuppertal29.05.19435.883401.672 0,50 %77.242 0,82 % 4,4 0,30
Düsseldorf31.07.194224.000726.261 0,91 %153.262 1,63 % 2,2 0,30
Dortmund04.05.194317.538542.261 0,68 %84.866 0,90 % 3,4 0,26
Bochum13.05.194311.175305.495 0,38 %84.820 0,90 % 2,8 0,21
Bremen22.06.194213.890450.084 0,56 %114.132 1,22 % 1,9 0,20
Leipzig20.10.19434.764831.615 1,07 %157.822 1,68 % 1,2 0,17
Oberhausen14.06.19433.067191.842 0,24 %47.785 0,51 % 2,0 0,09
Hagen01.10.19434.502151.760 0,19 %32.082 0,34 % 0,6 0,02
zum Vergleich:
Berlin01.03.194335.0004.338.756 5,46 %717.251 7,41 %unerheblichunerheblich
Stuttgart11.03.194320.822458.429 0,57 %176.790 1,84 %unerheblichunerheblich
München09.03.194416.666893.954 1,12 %161.865 1,72 %unerheblichunerheblich
Köln31.05.194230.679887.724 1,11 %132.600 1,41 %unerheblichunerheblich
Essen03.04.194331.146666.743 0,83 %113.512 1,21 %unerheblichunerheblich
Gelsen-kirchen25.06.19438.035317.568 0,40 %88.667 0,95 %unerheblichunerheblich

deutsche Flak-Batterie
Durch Funkpeilgeräte und Scheinwerfern unterstützte deutsche Flak-Batterie im Abwehrgürtel um wichtige strategische Ziele.

Wegen der starken Flak-Massierung im Ruhrgebiet wurden die Städte Süddeutschlands aus westlicher Richtung über Frankreich und die ostdeutschen Städte aus dem Nordwesten über die Nord- und Ostsee angeflogen. Mitteldeutsche Städte wurden über Norddeutschland hinweg angeflogen. Beim RAF Bomberkommando kam es durchaus vor, dass Besatzungen wegen zu starker Flak-Abwehr vom Kurs abwichen oder ihre Bomben zu früh abwarfen, um sofort zurückfliegen zu können. Bomber-Harris nannte diese ‚Rabbits‘ (Hasen).

Die theoretische Reichweite des britischen Short Stirling lag bei 1.190 km, der Avro Lancaster bei 2.670 km und die der amerikanischen B-17 Fliegenden Festung sogar bei 3.620 km. Dabei ist aber nicht berücksichtigt, dass die Bomberverbände sich erst sammeln, Ausweichmanöver bei Angriffen von Jagdfliegern oder starker Flak-Abwehr durchführen, ihre Motoren aufwärmen, starten und die Abflughöhe, Reiseflughöhe und Marschgeschwindigkeit erreichen müssen und dass je nach Bombenzuladung das Gewicht und damit die Reichweite sich verringerte.

Tatsächlich reduziert sich die Reichweite eines Flugzeugtyps dadurch auf die militärische Eindringtiefe, wenn das Umfliegen starker Flak-Konzentrationen und der psychologische Faktor einer bestimmten Treibstoffreserve für die Besatzungen berücksichtigt wird.
Daher lag diese Eindringtiefe bei etwa 1000 Kilometern, was es technisch gesehen möglich machte, alle Ziele in Deutschland zu erreichen.

Umfang des Bombenkrieges 1940-1945 (in Tonnen abgeworfener Bomben):

Jahr194019411942194319441945 (4 Monate)Insgesamt (1945 hochgerechnet als volles Jahr)
auf Deutschland 10.000 = 0,4 % 30.000 = 1,3 % 40.000 = 1,7 % 120.000 = 5,1 % 650.000 = 27,7 % 500.000 (1.500.000 über ein Jahr) = 63,8 % 2.350.000 (tatsächlich 1.350.000)
zum Vergleich auf England38.84421.8583.2602.2989.151 761 (2.283 über ein Jahr)77.694 (tatsächlich 76.172)


Quellenangaben und Literatur

Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg (10 Bände, Zentrum für Militärgeschichte)
World War II – A Statistical Survey (John Ellis)
Illustrierte Geschichte des Dritte Reiches (Kurt Zentner)
Chronology of World War II (Christopher Argyle)
German Aircraft of World War 2 in Colour (Kenneth Munson)
Encyclopedia of German Tanks of World War Two (P.Chamberlain, H.L.Doyle)
Kraftfahrzeuge und Panzer der Reichswehr, Wehrmacht und Bundeswehr (Werner Oswald)


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